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2.01.2004 |
Jeder Ton ist ein großes Geschenk
Eine seltene Krankheit raubte Ute Jung plötzlich das Gehör - Dank Cochlear Implantat kann die Westerwälderin wieder hörenDas Gespräch mit Freunden, das Zwitschern der Vögel im Garten und das Schnurren der Katze auf ihrem Schoß - für Ute Jung sind all diese Geräusche ein Geschenk. Denn fast über Nacht wurde die Lehrerin aus dem Westerwald taub. Erst ein Implantat hat es ihr möglich gemacht, wieder am "normalen Leben" teilzunehmen. Doch zuvor hat die 42-Jährige schmerzlich erfahren, was völlige Stille bedeutet. ANHAUSEN. Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere. Und selbst als Ute Jung nach dem Aufstehen mit Übelkeit, Gleichgewichtsstörungen, Kopf- und Nackenschmerzen zu kämpfen hatte, dachte sie zunächst an eine harmlose Magen- und Darmgrippe. Niemals hätte die heute 42-Jährige geglaubt, dass sie ein knappes Jahr später völlig taub sein würde. Doch dieser Freitagmorgen im September 2000 veränderte das Leben der Lehrerin aus Anhausen (Kreis Neuwied) völlig. Nach vier Tagen ging es ihr noch immer nicht besser. Im Gegenteil: Nun waren auch noch Ohrenschmerzen und ein Tinnitus hinzu gekommen. Außerdem konnte Ute Jung auf dem linken Ohr deutlich weniger hören. Sie kam ins Krankenhaus, wurde mit Medikamenten behandelt. Was ihr fehlte, konnte jedoch niemand genau sagen. Und das sollte für Monate so bleiben.
Angst und Verzweiflung18 Tage nach der Ankunft in der Klinik folgte der Schock: Ute Jung war
auf dem linken Ohr taub. "Damals war ich zum ersten Mal verzweifelt." Und
sie hatte Angst. Denn die Schwindelattacken tauchten immer wieder auf. Der
Gleichgewichstssinn blieb gestört - und eines Morgens spürte sie den
Schmerz auch im rechten Ohr. Ihren Beruf konnte sie ohnehin nicht mehr
ausüben. Stattdessen wanderte die Westerwälderin von Arzt zu Arzt, ließ
alle möglichen Behandlungen über sich ergehen, ohne dass ihr jemand sagen
konnte, unter welcher Krankheit sie eigentlich litt. "Manche Ärzte haben
mich wohl einfach für überspannt gehalten", erinnert sie sich und lächelt
dabei. Doch noch immer ist spürbar, wie sehr sie darunter gelitten hat,
nicht nur krank zu sein, sondern auch noch für "verrückt" gehalten zu
werden. Dass sie heute wieder hören kann, das hat Ute Jung ihrem Lebensmut zu verdanken - und der Technik: Die Ärzte in Mainz pflanzten Ute Jung ein Cochlea-Implantat (CI) ins linke Ohr. Die winzige Prothese, die ihr unter die Kopfhaut gesetzt wurde, übernimmt die Funktion ihres Innenohrs. (Siehe Kasten)
Neues LebensglückFür Ute Jung war das kleine technische Wunderwerk das schönste Geschenk, das sie je erhalten hat. Es hat ihr einen wichtigen Teil ihres Lebens zurückgegeben, erklärt sie lächelnd. Auch wenn natürlich längst nicht alles so ist wie damals, vor jenem Freitag im September 2000. Ihre Krankheit ist nicht geheilt, hin und wieder muss sie neue Schübe erleiden. Und was ihr Gehör betrifft, ist sie in vielen Situationen noch immer auf die Rücksichtnahme anderer Menschen angewiesen. "Krach kann ich nur schwer ertragen. Bei Musik erkenne ich zwar den Rhythmus, aber die Melodie klingt nicht harmonisch. Und wenn mehrere Leute gleichzeitig reden, fällt es mir schwer, Stimmen und Geräusche auseinander zu halten." Nicht jeder hat dafür Verständnis. Das ist vielleicht die traurigste Erfahrung, die Ute Jung gemacht hat.
Doch die Lehrerin entdeckt auch Positives in ihrem Schicksal. Dass sie heute viel genauer auswählt, was sie sich im Fernsehen anschaut, gehört dazu. "Zuhören ist für mich sehr anstrengend. Diese kostbaren Momente will ich nicht mit dummem Geschwätz vergeuden." Auch beruflich hat Ute Jung einen wichtigen Entschluss gefasst: Sie geht noch mal zur Uni und lässt sich zur Hörgeschädigtenpädagogin ausbilden, will Kindern helfen, die nicht oder kaum hören können. Vor allem ist es wichtig, sagt sie, den Mädchen und Jungen zu einem gesunden Selbstbewusstsein zu verhelfen. Nur der eigene Lebensmut weist den Betroffenen schließlich den Weg aus Stille und Isolation. Wenn sie es schafft, anderen Menschen in dieser schwierigen Situation zu helfen, dann, sagt Ute Jung, haben auch die sorgenvoll durchwachten Nächte und die vielen Momente unendlicher Einsamkeit, die sie seit dem Ausbruch ihrer Krankheit erlebt hat, einen Sinn gehabt. Doris Ruch
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Angelegt am 2. Januar 2004 23:30 von www |
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