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Kränkung oder Demütigung?
Von Ute Jung
„Eine Verletzung – auch als Trauma bezeichnet – wird definiert als jede von außen
einwirkende Verwundung (Läsion) der körperlichen oder seelisch/psychischen Integrität. Treten
dabei mehrfache Schäden auf, wird auch von einer Mehrfachverletzung oder einem Polytrauma gesprochen." (Def. Nach www.wikipedia.de vom 3.3.2004)
Wie oft müssen Schüler in der Schule Kränkungen über sich ergehen lassen und wie oft
müssen gerade hörgeschädigte Schüler dies im Besonderen täglich in den Schulen erleben?
Diese Frage stellte sich mir heute ganz aktuell in einem Tagespraktikum an einer
Sehbehindertenschule, das ich in meinem Nebenfach während meines Studiums der Hörgeschädigtenpädagogik absolvieren muss.
Ich war viele Jahre Lehrerin an einer Hauptschule und neun Jahre in der Ausbildung von
Referendaren tätig. Nach beidseitiger Ertaubung bin ich nun seit mehr als drei Jahren hörgeschädigt, bin bilateral implantiert, höre also mit zwei Cochlear-Implantaten.
Im Tagespraktikum in meinem Nebenfach Sehbehinderung unterrichtete ich unter der
Aufsicht eines Mentors der Schule und eines Dozenten der pädagogischen Hochschule neben
anderen Studentinnen für das Lehramt an Sonderschulen in den vergangenen Monaten
zwölf sehbehinderte Schülerinnen und Schüler. Das war für mich mit größeren
Schwierigkeiten verbunden und kostete mich große Konzentration und sehr viel Energie, da die schlechte
Raumakustik des Klassensaals schon für den „normal" hörenden Lehrer eine
Herausforderung darstellt.
Heute war nun unsere Abschiedsveranstaltung, die für die Kinder natürlich etwas lockerer
verlaufen sollte. Wir backten gemeinsam Bananenbrot, da das letzte Thema dazu einen
Anlass bot. Das allein schon war für meine persönliche Hörsituation hart am Grenzwert, da
insgesamt 16 Personen in der Küche wuselten, das Geschirr laut klapperte, alle durcheinander
sprachen, mehrere Mixer liefen, ...
Ich konnte die Situation trotzdem recht gut meistern, wollte dies auch und nach der großen
Pause sollte dann das frisch gebackene Brot verzehrt werden. Und es schmeckte auch allen
ersichtlich gut .... und deshalb waren auch alle schnell satt, aber die Unterrichtsstunde natürlich noch nicht zu Ende.
Die Schüler wurden immer lebhafter und so schlug eine Studentin vor, das Viereckenspiel zu
spielen. Schnell wurden mehrere Wissensfragen notiert, die alle Themen, die wir in den
vergangenen Wochen und Monaten behandelt hatten, abdecken sollten.
Das Spiel begann mit der ersten Gruppe von sechs Schülern. Diese stellten sich vor die
Tafel. Danach wurde die erste Frage laut von einer Studentin vorgelesen und der erste, der die
richtige Antwort wusste, konnte in die erste Ecke einziehen. Das Ziel war, alle vier Ecken so
schnell wie möglich zu durchlaufen, um Wissenssieger zu werden. Also nächste Frage, viele
laut schreiende Schüler, eine richtige Antwort, der nächste Schüler rückte weiter...
ICH konnte überhaupt nichts verstehen, da alles durcheinander schrie. Auch die gut hörenden Studentinnen und der Lehrer waren nicht mehr in der Lage, eindeutig herauszufinden,
wer denn nun richtig geantwortet hatte. ICH hatte fast Schmerzen vom Lärm, machte darauf
aufmerksam, aber es kam nicht an. Am liebsten hätte ich meine beiden CIs abgeschaltet.
Aber wenn man nicht gut hört, dann sieht man mehr und anders! In der Gruppe gibt es auch
Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen, sie kamen NIE zu Wort, standen bis zum
Schluss VOR der Tafel.
Keiner dachte darüber nach oder hatte vorher überlegt – auch ICH nicht – wie sich diese
Schüler fühlten, wie sie sich fühlen mussten, weil sie nichts beantworten konnten, während
ihre Mitschüler immer eine Ecke weiter kamen, etwas wussten, sich laut freuten. Die, die
nichts wussten, wurden dagegen immer ruhiger und ihre Gesichter hatten das Lachen
verloren.
Als das Spiel zweimal durchgespielt war, kam von den Schülern der Vorschlag, dass sie es
nun auch einmal mit uns Studentinnen spielen wollten. Ich brauchte etwas länger, um zu
verstehen, was nun geplant war, wusste erst nach einer längeren Erklärung, worum es ging,
da ich die vergangenen 20 Minuten nur einen höllischen Lärm und Gekreische gehört hatte.
Ich äußerte gegenüber den anderen Studentinnen meine Bedenken, bei dieser Akustik eine
realistische Chance in diesem Spiel zu haben. Darauf antwortete dann eine angehende Hörgeschädigtenpädagogin: „Das ist typisch für Lehrer, sie wollen nie zugeben, wenn sie etwas
nicht wissen."
Wie sollte ich mich nun verhalten? Sollte ich wiederholt auf meine Hörschädigung
aufmerksam machen, sollte ich dem Gruppendruck der anderen Studentinnen nachgeben, sollte ich
den Schülern den Spaß verderben? Mir stellte sich folgende Frage: Zeige ich nun Stärke und
verweigere das Mitmachen und werde dann als Drückeberger angesehen und wird mir eine
Verweigerung als Schwäche ausgelegt? Ich spürte zum ersten Mal so richtig deutlich, wie
sich der ein oder andere Schüler in einer vergleichbaren Situation fühlen muss.
O.k. Ich entschied mich zum Mitmachen und ich würde mir darüber ganz bewusst sein, dass
ich NICHTS verstehen werde, keine Frage beantworten kann und dass ICH auch VOR der
Tafel stehen bleiben würde so wie andere Schüler vorher auch. Ich werde es schon
verkraften, auf die Fragen der Schüler nicht antworten zu können, nicht in eine Ecke vorrücken zu
dürfen.
Das Spiel begann und da die Schüler – was ganz natürlich und auch nicht anders zu
erwarten war – mit Begeisterung ihre Fragen an uns Studenten stellten, war es von Beginn an
sehr sehr laut, obwohl vorher noch einmal alle auf meine besondere Situation aufmerksam
gemacht hatten.
Es kam, wie es kommen musste! Ich konnte keine Frage hören und demnach auch KEINE
Frage beantworten. Alle rückten vor, nur ich blieb VOR der Tafel stehen.
Während die anderen Studentinnen inzwischen in der dritten Ecke angekommen waren und
sich zu Recht über ihre guten Ergebnisse freuten, waren einzelne Schüler inzwischen auf
meine Situation aufmerksam geworden. Ein Junge stellte plötzlich laut fest, dass ich noch
nicht geantwortet hätte und machte den Vorschlag, zu mir nach vorne zu kommen, damit ich
ihn besser hören könnte, denn schließlich seien zehn Meter auch sehr weit weg. Er stellte
sich dann auch in meine Nähe, schaute dann aber leider von mir weg, als er seine Frage
stellte. Und die Situation blieb grundsätzlich sehr schwierig, da alle Schüler und
Studentinnen dazwischen riefen, als er noch redete, was dazu führte, dass ich wieder die Frage nicht
verstehen konnte. Wieder war eine andere Studentin mit der Antwort schneller als ich.
Inzwischen spürte ich auch körperlich, dass es mir nicht gut ging. Ich konnte nachvollziehen,
wie sich ein Kind fühlen muss, wenn es in einen Wettstreit mit anderen muss, aber nicht die
gleichen Bedingungen hat wie seine Mitschüler. (Vergleiche die Karikatur von Hans Traxler,
S. 28/Schnecke 43)
Und ich gebe offen zu, ich fühlte mich in meiner Situation nicht wohl. Es kränkte mich, dass
ich von meinen Kommilitoninnen nicht verstanden und nicht ernst genommen worden war,
als ich vor dem Beginn des Spiels auf mein „Handicap" hingewiesen hatte, ich ärgerte mich,
dass ich mich nicht selbst vor dieser Situation geschützt hatte und ich fühlte mich gedemütigt, weil ich vor allen Schülern keine einzige Frage beantworten konnte. Gedemütigt
deshalb, weil es wohl allen anderen außer dem zwölfjährigen Schüler nicht bewusst geworden
war, dass ich die Fragen deshalb nicht beantworten konnte, weil ich sie nicht gehört hatte.
Wie viele Schüler sind tagtäglich in unseren Schulen im gesamten Bundesgebiet in ähnlichen Situationen, wie viele Schüler haben gleiche Probleme? Und wie viele hörgeschädigte
Schüler müssen solche Situationen erleben, weil sie NICHT gut hören können, weil sie hörgeschädigt sind? Wie oft müssen Schüler solche oder ähnliche Situationen ertragen, sie
verarbeiten und sie verkraften? Ich gebe zu, es kostet Kraft und Energie und es ging auch an
mir NICHT spurlos vorüber.
Es hat mir große Probleme bereitet, die Klasse und die Schüler nach sehr schönen Wochen
und Monaten auf diese Art und Weise verlassen zu müssen und wie sagte dann noch eine
Studentin nach dem Spiel zu mir: „Hast du gemerkt, dass es dem einen Schüler SEHR viel
ausgemacht hat, dass du nicht antworten konntest" und eine andere: „Ich hoffe, du bist jetzt
nicht allzu sehr deprimiert."
In diesem Moment fragte ich mich, wer das größere Einfühlungsvermögen hatte, der zwölfjährige sehgeschädigte Schüler oder die angehenden Sonderschulpädagogen für hörgeschädigte Kinder?
Ich hoffe nur, dass auch die Studentinnen für das Lehramt an Sonderschulen – egal für
welchen Schwerpunkt und egal an welcher Hochschule – in Zukunft dem Ausbildungsziel
„Empathie2 begegnen und dafür sensibilisiert werden.
Ute Jung
Wilhelmstr. 45
56584 Anhausen
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Stand: 27.06.2004