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Der Mikropozessor im Ohr erspart das Hörgerät
Implantierte Elektronik öffnet Tauben die Tür zur akustischen Welt / Informationsveranstaltung in
der Uniklinik
Von Peter Rutkowski
Dank einer modernen Computertechnik können viele Taube und Schwerhörige ihr Hörvermögen
fast vollständig zurückgewinnen. Möglich macht dies die als "Cochlear Implantat" (CI) bekannte
elektronische Innenohrprothese. In Frankfurt hat sich vor kurzem ein Patienten- und Ärzteverein
gegründet, der CI bekannt machen will. Am Samstag, 12. Oktober, ist die erste
Informationsveranstaltung.
FRANKFURT A. M. "Da läuft es einem kalt den Rücken runter: Du hörst ein unbekanntes Geräusch,
fragst und dann heißt es, das sei das Schnarchen eines Hundes oder Vogelstimmen im Wald." Für
Michael Schwaninger ist das kleine Gerät in seinem Schädelknochen ein Wunder. Der heute 34-Jährige litt
seit der Pubertät an zunehmenden Hörstörungen. "So vor anderthalb Jahren grenzte mein Zustand dann
fast an Taubheit", erzählt Schwaninger, der als Abteilungsleiter beim Frankfurter Pharmakonzern Merz
arbeitet. Dennoch behielt er seine Stelle. "Merz war da sehr tolerant, aber das gilt nicht für alle
Arbeitgeber."
Im Oktober 2001 begab sich Schwaninger zur Uni-Klinik und ließ sich die elektronische Hörhilfe CI
implantieren. Heute spricht er ohne Stocken und Lautstärkeschwankungen, kann fast alles hören. Selbst
Telefongespräche, in denen die Mimik des Gegenübers fehlt, sind kaum noch ein nennenswertes
Problem für den Rodgauer. "Man muss natürlich schon ein bisschen technikfreundlich sein", meint
Schwaninger. Ein Mikroprozessor unter der Haut, der Funkwellen einer externen Mikrofon-Sendeeinheit hinter dem
Ohr in elektrische Reizströme umwandelt und an den Hörnerv weitergibt - das klingt wie Science
Fiction. "Ist aber eigentlich nichts anderes als das, was ein Herzschrittmacher auch macht."
Und wie bei jeder neuen Prothese muss der Träger sich an die Hilfe gewöhnen. Das CI hört sich für
operierte Schwerhörige anfangs ähnlich an wie schlecht übertragener Funkverkehr: erst einmal unverständliches, verzerrtes Gekrächze. Nach einer Phase des Einhörens versteht der Operierte dann plötzlich klar
und deutlich formulierte Worte. "Aber natürlich läuft man mit einer Beinprothese auch nicht bei einem
Marathon mit", sagt Schwaninger.
Viele CI-Operierte aber hoffen auf eine sofortige Wiederherstellung ihres Hörvermögens. "Für viele ist die
erste Frage: ,Kann ich jetzt wieder telefonieren?'" Das dauert. Schwaninger hatte Glück, dass er nicht
allzu lange taub war, Hörnerv und Hirn konnten sich schnell wieder ans Hören und Verstehen gewöhnen.
Eine Bekannte Schwaningers, die seit fast 30 Jahren nichts hört, das CI länger trägt als er, ist noch nicht
so weit. "Aber sie kann zum ersten Mal das Schreien ihres Enkels hören. Das macht sie schon wunschlos
glücklich", erzählt Schwaninger.
Nicht jeder ist von CI begeistert. "Viele Gehörlose sehen das Implantat als Angriff auf ihre eigene Kultur.
Die wollen auch oft nicht, dass ihre gehörlosen Kinder das bekommen, weil sie Angst haben ‚sie zu
verlieren'", berichtet Schwaninger. Bevor die Gebärdensprache allgemein akzeptiert wurde, zwang man
Gehörlose auch oft aus Ignoranz zum Erlernen einer Sprache der Hörenden. Die meisten Gehörlosen sind -
entgegen früherer Annahmen - nicht stumm, könnten also sprechen, wenn sie sich und ihre Umgebung
hören würden.
Vor allem Kindern versuchen die Chirurgen schnell zu helfen. Eine Meningitis (Hirnhautentzündung) etwa
kann schlagartig zum Hörverlust führen. Wenn Eltern rechtzeitig reagieren, muss ihr Kind vielleicht mit
nur wenigen Tagen oder Wochen Taubheit leben. Um ein in der hörenden Welt normales Aufwachsen
und eine fast volle Integration ins Arbeitsleben zu ermöglichen, übernehmen die Krankenkassen die 40
000 Euro für die Operation eines Ohres. "Dann hört man allerdings nur mono. Beim zweiten Ohr sträuben
sich die Kassen teilweise noch", sagt Schwaninger.
Über gesundheitspolitische, medizinische und technische Aspekte von Gehörverlust und dessen
Behebung will der im August gegründete "Cochlear-Implant-Verband Hessen / Rhein-Main" nun aufklären,
dessen Sprecher Schwaninger ist. Viele behinderte Menschen wüssten noch nichts von der neuen
Technik, die versuchsweise erstmals Mitte der achtziger Jahre zum Einsatz kam.
Eine erste Informationsveranstaltung in der Frankfurter Uni-Klinik ist am Samstag, 12. Oktober.
Schwaninger wird aber nicht dabei sein. Er ist dann in Würzburg, wo ihm das zweite CI eingesetzt wird. Die
freudige Erregung in seiner Stimme ist unüberhörbar.
Die Veranstaltung des Cochlear-Implant-Verbandes Hessen/Rhein-Main beginnt um 15 Uhr im kleinen
Hörsaal der HNO-Klinik des Universitäts-Klinikums am Theodor-Stern-Kai. Kontakt zum CIV/HRM über
Michael Schwaninger, Telefon 0 61 06 / 7 49 71, Fax 15 03 93 62, E-mail: CIVHRM@gmx.de.
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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 10.10.2002 um 00:01:36 Uhr
Erscheinungsdatum 10.10.2002
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Stand: 26.05.2003