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Erstanpassung mit Auria-Prozessor
(Vorbemerkung: Den Bericht habe ich eine Woche nach der Erstanpassung geschrieben. Solche unmittelbaren und spontanen Eindrücke können jedoch keine
langfristige Entwicklung aufzeigen. Da jedoch einerseits eine erste Rückmeldung
bezüglich des neuen Auria-Prozessor gewünscht war, andrerseits gerade den ersten
Tagen mit dem CI ein besonderes Interesse gilt, ist dieser Bericht hier jetzt doch
schon zu lesen. Die Aufnahme späterer Entwicklungen ist nicht ausgeschlossen).
Der Bitte um einen Erstanpassungsbericht komme ich gerne nach. Da ich selbst Berichte am interessantesten fand, wenn sie viel subjektives Erleben wiederspiegelten,
versuche ich möglichst ohne innere Zensur zu schreiben. Vorab muss ich daher jedoch ein paar Sätze zu meiner Hör- und Lebensbiographie verlieren. Erst vor diesem
Hintergrund kann dann die Erstanpassung beurteilt werden. Beispielsweise erklärt
sich so, warum ich manchen Höreindrücken besondere Aufmerksamkeit widme, obwohl ich genau weiß, dass die Erwartung vielleicht utopisch ist, nur kann halt auch
die gründlichste Vorinformation Hoffnungen, Ängste etc. nicht gänzlich aus der Welt
schaffen.
Die Hörbiographie
Meine Hörprobleme begannen zunächst vor 14 Jahren zunächst mit Tinnitus, wahrscheinlich in Folge eines unbemerkten Hörsturzes. Da ich Musik studierte, galt
meine ganze Aufmerksamkeit der Überwindung des Tinnitus. Der Hochtonverlust blieb
weitgehend unbeachtet. Einige Jahre später kam es immer wieder zu rezidivierenden
Hörstürzen. Vor sechs Jahren bekam ich dann die ersten Hörgeräte. Die Hoffnungen
auf eine Stagnation erwiesen sich als falsch, erst sehr spät wurde meine Hörschädigung als progrediente Innenohrschwerhörigkeit diagnostiziert, auch ich brauchte
einige Zeit mir das einzugestehen.
Zum Zeitpunkt der CI-OP verfügte ich zwar im Tieftonbereich über ganz ordentliche
Hörreste (250 Hz – 50 dB) oberhalb 1000 Hz war jedoch keine Reaktion mehr
messbar. Zudem kam, dass ich seit einem Jahr mit meinen starken Claro-Geräten nicht
mehr zurecht kam, ich benutzte lieber die alten schwachen Digifocus um wenigstens
die Vokale sauber zu hören. Nachdem ich weitere neue Power-Geräte ergebnislos getestet hatte, entschied ich mich zur Implantation, auch weil fast jeder weitere Hörtest wieder schlechtere Ergebnisse ergab. Ich war auch in der Phase vor der OP trotz
beruflicher Umstellung mit dem Hören sehr gefordert (auch überfordert), mit meinen
Hörresten und Absehen konnte ich ruhigen Zweiergesprächen folgen, sogar mit Kopfhörer noch etwas telefonieren, alles andere ging eigentlich nicht mehr.
Auch in meiner früheren Lebensweise war ich sehr am Hören orientiert. In
Verbindung mit meinem Musikstudium war für mich das Ohr der wichtigste Sinn. Trotz
hochgradiger Hörschädigung hatte ich noch praktisch bis vor ein bis zwei Jahren
musikalische Auftritte. Ich schreibe dies nicht, um pathetisch zu werden oder
irgendwelche Klischees zu bedienen, sondern weil ich glaube, dass dies mit zu meinen
Voraussetzungen für den Verlauf der Anpassung gehört.
Die OP im Mai verlief völlig komplikationslos: kein Schwindel, kein Erbrechen. Nur
das Restgehör war weg.
Anpassung mit dem Auria-Prozesor von Clarion
Jetzt am 30. Juni 2003 hatte ich Erstanpassung. Ich hatte mich für Clarion
entschieden, die schnelle Strategie mit HiRes war ausschlaggebend. Vor der Anpassung
schon die erste Überraschung. Ich hatte mich zunächst auf den Taschenprozessor
eingestellt, doch dann war der Auria- HdO schon da. Sehr spontan entschied ich mich quasi ungeprüft gleich den Auria zu nehmen.
In 15 Minuten war die Erstanpassung gelaufen, alles klang noch sehr nach monotoner und verzerrter Computerstimme, aber ich konnte (mit Absehen) praktisch gleich
alles verstehen. Hier wurde eigentlich schon deutlich, dass es ein sehr guter Anpasserfolg werden würde. Zweifel hatte ich allerdings, ob ich mich schnell an den
verzerrten Klang gewöhnen könnte. Eine Anfechtung war auch die erste Übung zum
Erkennen von Instrumenten. Mehrmals verwechselte ich Xylophon mit Trommel oder Glocke und Rassel. Jedoch ein Lichtblick: die Blockflöte klang natürlich und
frequenztreu. Zunächst hatte ich im Alltagsgespräch Schwierigkeiten, weil ich nicht
mehr wusste, welchen Kanal ich denn nun eigentlich verwende: CI, Absehen oder Restgehör. Aber trotz des ungewohnten Klangbildes konnte ich das CI auf Anhieb
ohne Probleme tragen, ein enormer Unterschied im Vergleich mit meinen Versuchen mit den Power-Hörgeräten. Nach zwei Stunden Anpassung machte ich den ersten
(verrückten) Telefonversuch mit meinem Handy. Zwar konnte ich vom Klang nicht erkennen wer spricht, aber immerhin erkannte ich einzelne Sätze und Wörter, eher
besser als mit dem Hörgerät. Ich wusste von diesem Moment an, dass ich bald
wieder telefonieren können werde. Am „Betthörer" hörte ich Nachrichten und konnte dem
Inhalt weitgehend folgen. Schon am ersten Tag hatte ich soviel erreicht. Die totale
Rührung blieb jedoch noch aus, da der Klang noch sehr ungewohnt war.
Am nächsten Tag war ich sehr verwundert wie Autos nun klangen: herannahende Raumschiffe mit Sphärenklang, aber kein Motorengeräusch. Die eigene Stimme
klang aber jetzt schon besser. Ich freute mich am Knistern von Kies, an meinen Schritten, am Schnalzen mit der Zunge, auch am Schlucken und Schmatzen. Alle
einzelnen, einfacheren Geräusche waren super, sobald jedoch ein Geräusch komplexer wurde, wurde es äußerst merkwürdig. Aber im Laufe des zweiten Tages blitzte
hie und da das erste natürliche Klangbild auf. Im Hörtraining hatte ich wohl so 60 –
70 % Einsilber ohne Absehen richtig (kein echter Test). Im Alltag war dieser Erfolg
zwar so nicht umsetzbar, die Störgeräusche irritierten noch sehr stark. Aber als ich
dann wieder Vögel hörte, meine eigene Stimme schön klang, ich auch Spaß an Popmusik im Radio entwickelte, auch wenn's noch komisch klang, setzte dann doch
ein ziemliches Glücksgefühl ein.
Am zweiten Tag nach der Anpassung war der Höreindruck noch klarer. Dies bestätigte sich bei der Austestung: 100% Zahlen, 60 % bei den Einsilbern, 96% im Satztest.
Das Nachsprechen eines Textes ging fast automatisch, hier wurde mir dann die frühere harte Denkarbeit bewusst, die einen ja manchmal in die Erschöpfung treibt. Da
ich nachmittags nichts zu tun hatte, aber so am Herumexperimentieren mit dem Hören war, verordnete ich mir im risikobereiten Überschwang einen Kinobesuch quasi
als Hörtraining. Am Anfang ging es eigentlich ganz gut, dann war ich doch müde und
konnte nicht mehr ganz folgen. Ich wusste aber auch, dass dies eigentlich ja
hirnrissig war. Aber als im Kinosessel Jazzmusik meine Gebeine wieder in Tanzlaune
versetzten, kullerten dann doch einige Tränen der Freude herab. Auch in der Straßenbahn musste ich aufpassen nicht laut loszujubeln, da ich die Ansage absolut klar
verstanden hatte.
In diesen paar Tagen bin ich auch viel lockerer im Umgang mit Leuten geworden, kann wieder reagieren ohne erst innerlich überlegen zu müssen, was könnte der
oder die gesagt haben. Eigentlich hat sich seither alles nur weiterentwickelt.
Versuche mit unterschiedlicher Elektrodenzahl und Stimulationsraten hatten keine großen
Unterschiede zur Folge. Da ich so gute Fortschritte gemacht hatte, wurde ich schon
nach einer Woche wieder nach Hause geschickt. Morgen werde ich meinen Unterricht wieder aufnehmen.
Auch jetzt noch muss ich mich an manches gewöhnen, klingt manches fremd, fließende, klassische Musik geht gar nicht. Kurze Schlaggeräusche hallen nach. Meine
Kinder klingen noch sehr blechern, hier hoffe ich schon, sie in einiger Zeit noch
besser zu verstehen. Aber ich weiß auch, dass ich in einer Woche sehr, sehr große
Fortschritte machen durfte. Dies ist für mich ein unwahrscheinliches Geschenk, zu dem
ich selbst willentlich nichts beitragen konnte. Und wenn ich hier recht unverfroren
meine Testergebnisse bekannt gebe, so nur, weil es mir darum geht die Möglichkeiten (und Grenzen) des CIs aufzuzeigen. Mit meiner Person hat dieser Erfolg nur
insofern zu tun, da er an gewisse Voraussetzungen gebunden ist. Aber auch diese Voraussetzungen sind ja vorgegeben und nicht selbst beeinflussbar. Über die
Grenzen und Möglichkeiten des CIs (oder von Prozessoren, Firmen….) wird ja teilweise
hitzig diskutiert, Basis hierfür können nur authentische Erfahrungen sein, seien sie
positiv oder negativ. Darum habe ich mich bemüht. Dass dies so positiv ausfällt (ich
kann es nicht anders sagen), erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.
Juli 2003
Friedrich Erdmann
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Stand: 13.07.2003