Michaels Ohrenseite - Erfahrungsberichte

Bericht von Miriam Padberg und Andreas Fritzjus

Michaels Ohrenseite

 

CI-Erfahrungen im Zwiegespräch 

Von Miriam Padberg und Andreas Fritzjus

Vorgetragen am 01.04.2006 auf einer Info-Veranstaltung des CIV HRM e.V.


Miriam:
Hallo, Andreas.

Andreas:
Hallo, Miriam.
Wie geht dir nach einem Jahr CI? Berichte mal.

Miriam: 
Wie du ja weißt, war ich früher hörend und bin dann innerhalb von mehreren Jahren an Taubheit grenzend schwerhörig geworden. Vor 2 Jahren war ich hier in Frankfurt zur Voruntersuchung und habe mich dann für ein CI entschieden. Damals habe ich recht schlecht verstanden und für mich was das ganze akustische Verstehen ein Problem: ständiges Nachfragen, das Gefühl ausgegrenzt zu sein, gerade im Studium nicht viel mitbekommen von den Vorlesungen etc.

Andreas: 
Hattest du nicht Angst vor der OP und dann dazu noch dein restliches Gehör zu verlieren, denn du hast ja auch Kinder? 

Miriam: 
Doch, natürlich hatte ich das. Aber auf der anderen Seite: was hatte ich zu verlieren? Schließlich habe ich mir für das schlechte Ohr für das CI entschieden, denn da hatte ich akustisch am wenigsten verstanden und somit war für mich klar, dass ich das rechte Ohr für das Experiment CI opfere. Am Tag vor der OP war ich allerdings sehr nervös, Angst kam auf, ob ich denn das Richtige tue oder ein zu hohes Risiko für einen ungewissen Erfolg eingehe.

Andreas:
Und? War es das Risiko wert? Was ist aus dem Experiment geworden?

Miriam:
Auf alle Fälle hat sich das für mich persönlich gelohnt. Anfangs jedoch war es scheußlich. Alles klingelte. Ich wusste zwar aus vielen Berichten, dass sich das ganze mit dem CI wie Mickey Maus oder so anhören würde, aber so hatte ich mir das nicht vorgestellt gehabt. Innerhalb weniger Wochen hat sich das jedoch gegeben. Es klingt zwar immer noch nicht alles wie früher, z.B. klingt eine Rettungswagen – Sirene immer noch eher wie eine kaputte Spülmaschine. Das hat mir letzten Monat doch glatt einen gezeigten Vogel eingebracht.. danke an den Fahrer! Ich würde den gerne mal sehen, wenn der eine kaputte Spülmaschine im Auto hört... was würde der wohl machen? Bestimmt nicht ranfahren oder so... Aber vom Verstehen hat sich etliches verändert. Ich verstehe in ruhigen Umgebungen wieder fast alles, kann ohne viel Konzentration Gespräche verfolgen. Ich höre gerne Hörspiele, höre viele Sachen, die ich lange nicht mehr gehört hatte... von Vogelgezwitscher über die Spülmaschine, Uhrticken bis hin zum Lüfter vom PC. Ich wusste gar nicht mehr, dass es „Ruhe“ eigentlich nicht gibt. 

Andreas:
Wie kommst du damit klar, dass es keine wirkliche Ruhe gibt?

Miriam:
Na ja, Ruhe bekomme ich, wenn ich sie will: CI ab und RUHE. Aber an sich hast du ein Punkt angesprochen. Man muss das Hören lernen, d.h. man muss lernen, die ganzen Geräusche einzuordnen, die teilweise auch zu verdrängen. Dafür gibt es ja die Reha. Dort lernt man ja nicht nur Sprache zu verstehen, sondern auch Geräusche einzuordnen usw.

Andreas:
Wie war denn deine Reha? Und wann war die?

Miriam:
Die Reha war für mich ca. 2 Monate nach der Erstanpassung. Ich habe die in Friedberg gemacht, in Bad Nauheim war ich stationär untergebracht. Die Sitzungen fanden täglich statt, wir haben Sprachverstehen trainiert, mir wurde etwas vorgelesen und ich musste wiederholen. Auch Spiele haben wir gespielt, wie z.B. „Wer wird Millionär“, wo ich dann die kuriosesten Antworten wiederholen durfte. Es war schon lustig, was ich hören sollte und ich gehört habe... und die 100.000 Mäuse schuldet mir Elke immer noch :-)

Andreas:
Das hört sich ja toll an. Gibt es dennoch Probleme oder Dinge, die du gerne geändert hättest?

Miriam:
Klar, ich bin immer noch hörgeschädigt. Und ich höre nur mit einem Ohr, d.h. gerade in lauten Umgebungen sinkt mein Sprachverstehen radikal. Das hätte ich gerne geändert, denn ich lebe in unruhigen Umgebungen: Uni, zu Hause mit den Kindern etc. Da verstehe ich für mich persönlich einfach viel zu wenig. Auch ist das linke Ohr – das ehemals bessere – immer noch dominant. Wenn ich links das Hörgerät trage, dann verstehe ich nichts mehr, alles klingt nur dumpf. Das fühlt sich sehr komisch an. Ich will aber beidseitig hören, aber kann es nicht.

Andreas:
Das kann ich voll verstehen. Ich habe mir ja auch aus dem Grunde ein 2. CI einpflanzen lassen. Hast du auch schon über ein 2. CI nachgedacht?

Miriam:
Ach... lass mich mit dem Thema bloß in Ruhe. Ich stehe deswegen mit meiner Krankenkasse inzwischen vor Gericht. Diese hat das 2. CI mit der Begründung abgelehnt, dass „eine mögliche Hörverbesserung kein Grund für die Kostenübernahme ist“. Ich muss dafür kämpfen. Aber das ist ja heute wohl leider normal. Die Kassen halten einen hin, das ganze kostet unnötig Zeit. Das kostet Nerven, Kraft, Geld und oftmals frage ich mich dann, ob ich überhaupt noch ein 2. CI will. Allerdings... wenn ich mir meinen Alltag anschaue, dann brauche ich es. Berichte aber nun mal über dich. Wie war es vor dem CI für dich? Warum hast du dich für ein CI entschieden?

Andreas:
Schlecht hören war schon von Geburt an meine große Stärke, sprich vermutlich von Geburt an war ich an Taubheit grenzend schwerhörig. Dank guter Frühförderung – primär meiner Eltern – konnte ich die Lautsprache gut lernen und die minimalen Hörreste ziemlich gut ausnutzen. Dieses reichte aus, um eine Regelschule besuchen zu können. Dieses war nicht einfach für mich, weil es viel Konzentration fürs Verstehen und auch Nerven für das Nacharbeiten des Schulstoffs gekostet hat. Dies ging solange gut, bis ich 2001 einen Hörsturz rechts gehabt hatte. Danach war das Verstehen auch schlechter, der Hörstress auf der Regelschule war nun zu hoch und ich bin dann auf eine Hörgeschädigtenschule gewechselt. Ab da fing ich bereits an, mich über das CI zu informieren und über eine Implantation nachzudenken. 

Miriam:
So früh schon? Aber du hast doch das 1. CI erst 2004 bekommen?

Andreas:
Meine Eltern haben in den 80er Jahren die „ersten“ CI-Träger kennen gelernt. Diese hatten entweder Entzündungen durch das CI oder es wuchsen bei ihnen die Fixierungsdrähte aus dem Kopf heraus. Das war wohl abschreckend für sie gewesen, so dass sie sich dagegen aussprachen, auch wenn die Technik wesentlich weiter und besser im Jahre 2001 war. Auch CI-Träger, die ich auf der Schule kennen gelernt habe, haben sie und mich nicht von der Technik überzeugen können. Oftmals waren diese CI-Träger noch stark auf das Mundbild zum Verstehen angewiesen. Das war ich mit den Hörgeräten ebenso, dafür musste ich mich nicht unters Messer legen. Das hat meine Eltern natürlich noch verstärkt in ihrer Meinung und da ich noch minderjährig und selbst unsicher war, wurde das nichts.

Miriam: 
D.h. du bist 18 geworden und direkt über Los auf dem OP-Tisch gelandet?

Andreas:
Nicht ganz. Ich war immer noch unsicher wegen den „ersten“ CI-Trägern, zum anderen natürlich auch wegen der Technik: je weiter die Zeit voranschreitet, desto besser wird die Technik. Und ich habe damals ja auch immer noch – so dachte ich es – ausreichend gehört. Aber in der ganzen Zeit hatte ich noch mehrere Hörstürze; 2004 dann den finalen Hörsturz. In der Klinik, wo ich wegen den Hörstürzen gelandet bin, wurde ich dann wegen dem CI gefragt und da habe ich mich dafür entschieden.

Miriam:
So ganz spontan? Oder hast du länger für die Entscheidung gebraucht?

Andreas:
Ich habe mich in der ganzen Zeit, d.h. von 2001 bis auch heute noch, über den Stand der aktuellen Technik auf den Laufenden gehalten. Die OP fand ja auch nicht sofort statt, sondern ich hatte noch etwas Wartezeit. Ca. 3 Wochen vor der OP habe ich eine größere CI-Veranstaltung besucht und dort habe ich Personen kennen gelernt, wo ich zuerst dachte, dass sie normal hörend wären. Das hat mir die Entscheidung für das CI wesentlich leichter gemacht. 

Miriam:
Ja, das kann ich nachvollziehen. Ich habe dich letztes Jahr das erste Mal persönlich getroffen und dachte das bei dir auch .. zumindest beim Gespräch zu Zweit fiel mir nicht auf, dass du eigentlich taub bist. Warum hast du dich für ein 2. CI entschieden? Hat das mit dem ersten nicht so gut geklappt?

Andreas:
Doch, es hat gut geklappt, es war ähnlich wie bei dir. Ich hatte jedoch auch die gleichen Probleme, wie du sie heute noch hast: geräuschvolle Umgebung, Richtungshören etc. Daher wollte ich das 2. CI haben. Einfach um mir das ganze Hören selbst leichter zu machen. Auch da haben mir Erfahrungsberichte gezeigt, dass es kein Wunschdenken ist, sondern knallharter Fakt: mit 2 Ohren hört man einfach besser. Außerdem hat ja auch ein Normalhörender zwei Ohren.

Miriam:
Ich weiß ja, dass deine Zweitanpassung – also die erste Anpassung deines 2. CIs – noch nicht so lange her ist. Hat sich denn bisher die Hoffnung erfüllt? Kannst du dazu schon was sagen?

Andreas:
Die zweite Seite entwickelt sich deutlich schneller als die erste Seite. Zum Teil konnte ich Sprache bei der Anpassung gleich verstehen. Es war sofort besser in halligen Räumen zu verstehen. Laute Umgebungen sind nicht mehr so stressig. Das Hören ist insgesamt deutlich entspannter. Ich bin mir wesentlich sicherer bei dem, was ich verstanden habe. Auch kann ich nicht von der falschen Seite angesprochen werden.

Miriam: 
Ja, das kenne ich. Was war das für ein Problem in der Fußgängerzone zu marschieren. Beide nur mit rechts gehört. Einer war von uns immer im Nachteil und musste nachfragen oder „quer“ laufen.

Andreas:
Das stimmt allerdings. Das ist nun kein Problem mehr. Ebenso klappt es auch nun besser in Gruppen. Wenn ich nun mit Freunden in der Runde sitze und spreche, dann verstehe ich viel mehr, auch wenn etwas von links kommt. Ich muss nicht mehr auf Sitzordnung achten und mir nicht mehr wild den Kopf verrenken, um zu verstehen. Auch Personen, die nicht deutlich sprechen verstehe ich besser. Geräusche, die weiter weg sind, sind klarer. Auch meine Mutter, wenn sie mir quer über den Flur etwas zuruft, verstehe ich inzwischen (leider...). 

Miriam:
Das klingt doch toll. Was erwartest du denn dann noch in Zukunft? Immerhin liest und hört man ja noch sehr häufig, dass man noch nach zig Jahren mit dem CI noch dazulernt. Gerade wo deine zweite Seite noch recht frisch ist...

Andreas:
Ich lasse es einfach auf mich zukommen. Natürlich hoffe ich, dass das Sprachverstehen, gerade in lauterer Umgebung, noch besser wird als es jetzt schon ist. Zudem auch, daß die zweite Seite alleine genau so gut wird wie die erste. Daß ich mit dieser auch telefonieren kann und es mit der genau so normal klingt. Musik klingt jetzt mit 2 CIs auch besser als mit einem alleine, allerdings erhoffe ich mir, dass es noch besser mit der Zeit wird. Gerade bei Musik frage ich mich immer wieder, wie ich denn nur mit einer Seite das für voll im Klang empfinden konnte. Es hat einfach viel mehr an Volumen und Feinheiten, Räumlichkeit und eben auch im Klang zugenommen. 

Miriam:
Bist du dann nicht enttäuscht, wenn bald ein neues Modell auf dem Markt kommt, mit besserer Technik? Fragst du dich nicht, ob du noch besser hättest damit warten sollen?

Andreas:
Ich merke inzwischen, dass ich selbst die Grenze bin. Die Technik schreitet zwar voran, aber jeden Tag, an dem ich es durch das Hören leichter habe, ist wie ein neu geschenkter Tag. Außerdem gehe ich davon aus, dass irgendwann auch eine Reimplantation nötig ist und dann bekomme ich eh die aktuellste Technik. Der Sprachprozessor kann aktualisiert werden, so dass ich auch in den Genuss der neueren Technik kommen kann.. zumindest in den nächsten Jahren. Aber erst mal muss die jetzige Technik ausgereizt werden.. und das ist noch eine Weile nicht der Fall.

Miriam:
Tja.. irgendwie doch interessant, wie unterschiedlich und doch gleich unsere Geschichten sind. Allerdings sollten wir klar sagen, dass wir beide ein sehr gutes Sprachverstehen haben, das nicht jeder CI-Träger erreicht. Allerdings sollte man bereit sein, viel zu üben... Musik hören, Hörspiele sich antun... Hast du noch Tipps?

Andreas:
Mir hat es geholfen, viel mit anderen Personen zu sprechen. Rausgehen und mit anderen etwas unternehmen. Viele verschiedene Stimmen zu hören und versuchen zu verstehen. Auch gerade Alltagsgeräusche bekommt man da schnell gelernt und ich trainiere so das Hören in Störlärm.. auch wenn es manchmal deprimierend ist und ich an einigen Tagen nicht viel verstehe. 

Miriam:
Gibt es denn für dich noch Grenzen? Frustrationen wegen Nicht-hören-Können?

Andreas:
Ja, es gibt immer noch Situationen, in denen ich schlecht verstehe. Ich akzeptiere das, denn ich bin immer noch nicht normal hörend, aber viel näher dran. Die positiven Erfahrungen überwiegen deutlich. Mit beiden CIs noch mehr als nur mit einem CI. Viele Leute merken so nicht, dass ich schlecht höre und wollen es gar nicht glauben, dass ich taub bin. Dennoch stehe ich aber dazu, dass ich nicht normal hörend bin. 

Miriam:
Das kann ich verstehen. Du sprichst ja auch normal. Ich stelle auch fest, dass du etwas besser sprichst im Vergleich zu einem CI.. da hattest du das „s“ nicht sauber ausgesprochen, aber der Sprachfehler ist nun weg. 

Andreas:
Das stimmt.. das ist wahrscheinlich noch ein Überbleibsel aus der Hörgeräte-Zeit. Diese Zischlaute wie das „s“ habe ich damit so gut wie gar nicht gehört. Diese höre ich allerdings nun sehr gut mit CI, wenn auch die neue Seite noch etwas synthetisch klingt. Für mich ist es bis heute noch schwer herauszufinden, wie stark ich das „s“ sprechen muss.

Miriam:
Ich denke, dass du das schon gut machst. Die Übung macht den Meister... also: weiter so.

Andreas:
Danke sehr und ebenfalls Alles Gute fürs weitere Hören! 

April 2006
Miriam Padberg und Andreas Fritzjus




Und hier zum Abschluß noch ein Foto

So ein Zwiegespräch ist lustig...

So ein Zwiegespräch ist lustig…

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Stand: 24.06.2006