Michaels Ohrenseite - Erfahrungsberichte

Bericht von Michael Nagelschmidt

Michaels Ohrenseite

 

CI - das wahre Leben

Von Michael Nagelschmidt

Kurz zu meiner Person: Michael Nagelschmidt, 51 Jahre alt, seit 1985 verheiratet mit Marion (50). Unsere Kinder sind Tochter Valeska (27) und Sohn Simon (19). Als Aus-gleich dazu: Aika (1), unsere schwarze Labradorhündin und Simba (14), eine Siamkatze.

Seit 1989 wohnhaft in Friedrichsdorf/Taunus. Beruflich als Bürokaufmann in der europäischen Kirchenverwaltung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) beschäftigt, deren Mitglieder wir auch sind. Zurzeit arbeite ich bei der Kostenkontrolle in der Produktionsabteilung der Kirchenverwaltung in Ober-Erlenbach nahe Bad Homburg. Meine Frau Marion, von Beruf Krankenschwester, arbeitet bei der mobilen Krankenpflege in Bad Homburg und Friedrichsdorf.

Im Alter von ungefähr einem Jahr verabreichte man mir wegen einer schweren Grippe Penicillin. Einige Zeit später stellte man fest, dass ich beidohrig hochgradig hörbehindert bin. Die einen Ärzte sagen, dass dieses Medikament die Ursache für die Hörbehinderung sei, während wiederum andere dies verneinen.

Mit etwa 7 Jahren fing meine "Karriere" als Hörgeräteträger an, als ich zur Volksschule ging. Meine Eltern entschieden sich damals nach eingehender Beratung, mich in eine normale Volksschule anstatt in eine Schwerhörigenschule zu schicken. Auf diese Weise sollte ich so normal wie möglich in der Gesellschaft integriert aufwachsen und nicht im abgeschotteten Kreis der Hörbehinderten. Die "guten alten" Taschenhörgeräte mit Y-Kabel zu beiden Ohren vom Akustiker Horstkötter in Köln waren die ersten technischen Hörhilfen.

Diese Zeit brachte es allerdings mit sich, dass ich weder Zeichen- noch Gebärdensprache gelernt und mir auch nicht ganz perfekt das Lippenlesen angeeignet habe. Parallel zu dem Schulunterricht erhielt ich von einem speziell geschulten Gehörlosenlehrer und auch von meiner Mutter Sprachunterricht mit Artikulierungsübungen. So habe ich mir die Fertigkeit erworben, einigermaßen "normal" zu sprechen, ohne in die übertrieben artikulierende Schwerhörigensprache zu verfallen.

Auch während meiner Zeit in der normalen Realschule in Köln - allerdings mit 4 Sonderklassen zusammen mit Hörgeschädigten, Sehbehinderten und Sprachgestörten inklusive Höranlage - trug ich weiterhin Taschenhörgeräte. Später in Hamburg während meiner Gymnasialzeit - auf einer ähnlich eingerichteten Schule wie in Köln - erhielt ich dann so gegen 1975 im Alter von 20 Jahren zum ersten Mal HdO-Geräte, mit denen ich schon etwas differenzierter hören konnte. So gesehen stellten die HdO-Geräte gegenüber dem Taschengerät schon eine Verbesserung der Hörfähigkeit dar.

Bis Mai 2005 bezog ich die HdO-Geräte meistens von Phonak über den Akustiker Geers. Teils gravierende Einschränkungen beim Telefonieren und bei Gesprächen in lauter Umgebung musste ich jedoch weiterhin in Kauf nehmen. Abgesehen bei Gesprächen mit meiner Frau und bei einigen Familienangehörigen musste ich bei fremden Telefonpartnern trotz guter Induktionsspule oft schlicht und ergreifend passen, und jemanden bitten, das Gespräch für mich weiterzuführen. Auch mit Handys und mit Digitaltelefonen wurde es schon recht schwierig, wenn nicht gar mehr oder weniger unmöglich.

Mitte 2004 erfuhr ich von einem Freund, der bis dahin mittelschwer hörbehindert war, dass er durch einen Hörsturz taub wurde. Er ließ sich in einer Klinik in Berlin ein CI von Cochlear implantieren und ich erlebte hautnah mit, was für gravierende Fortschritte er bei der Verständigung mit dem CI machte.

Da reifte so langsam und auch auf Anraten dieses Freundes und anderer Bekannten in mir der Wunsch nach solch einem Wunderding.

So ging ich erst mal zu verschiedenen Informationsveranstaltungen. Nach eingehenden Tests durchgeführt unter der Regie von Frau Dr. Helbig von der Uniklinik Frankfurt wurde ich schließlich als CI-geeignet eingestuft. Der Hickhack mit der Krankenkasse dauerte ca. ein halbes Jahr. Zuerst lehnte die Krankenkasse natürlich wie üblich ab, aber nach dem Widerspruch und unwiderlegbaren sachlichen Argumenten aus medizinischer Sicht kam dann doch der heiß ersehnte Bewilligungsbescheid.

Im Mai 2005 war's soweit. Unter der professionellen Obhut von eben dieser Frau Dr. Helbig kam ich unters Messer, und mir wurde linksseitig ein CI von Med-El implantiert. Nun bin ich seit 2 Jahren einohrig CI-Träger. Damals bekam ich zuerst den Tempo+-Sprachprozessor und seit ca. 6 Wochen trage ich den OPUS2-Sprachprozessor.

Wie ist nun das Leben mit dem CI?

Tja, da sind ganz gemischte Gefühle drin. Hören tue ich mittlerweile schon besser als mit den beidohrigen HdO-Geräten und das nur bisher einohrig. Wenn ich auf dem linken Ohr mit dem CI und ohne Hörgerät auf dem rechten Ohr höre und zum Vergleich umgekehrt auf dem rechten Ohr das Hörgerät nutze und auf dem linken das CI auslasse, merke ich schon, wie gravierend der Unterschied ist; ein Unterschied wie Tag und Nacht. Mit dem Hörgerät höre ich so gut wie gar nichts. Ich dachte schon, es wäre defekt, aber eine Überprüfung bei Geers brachte nichts Derartiges zutage.

Aber es ist bisher noch nicht alles ausgereift und bei vielen Gelegenheiten gibt es immer noch zum Teil erhebliche Verständigungsschwierigkeiten; auch habe ich noch nicht alle technischen Möglichkeiten genutzt.

Im Folgenden einige Aspekte, auf die ich näher eingehe:

* Schall

Ja, das Leid mit dem Schall. Das ist so eine Sache, an die ich mich schon gewöhnen muss. Mittlerweile geht's. Besonders morgens nach dem Aufstehen und nach der langen Stille ohne dem CI auf einmal die recht laute Akustik. Gewöhnungssache und manchmal auch eine Notwendigkeit zur neuen Einstellung der Frequenzen mit dem Computer beim CI-Zentrum.

* Normale Verständigung

Zuhause kann ich mich schon ganz gut verständigen, wenn keine Geräuschkulisse vorhanden ist. Wenn meine Frau etwa 2 Meter weiter entfernt ist und mir mit dem Rücken zugewandt ist, habe ich schon noch Verständigungsschwierigkeiten. Auf der anderen Seite habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass ich z.B. im Wohnzimmer saß, und mein Bruder in der angrenzenden ca. 3 Meter entfernten nur durch eine offene Tür getrennte Küche etwas gesagt hat und ich habe erstaunlicherweise zumindest teilweise etwas verstehen können. Mit den Hörgeräten wäre dies mit Sicherheit nicht möglich gewesen. Wenn unsere beiden Kinder rein zufällig vollzählig am Tisch sind und wir miteinander klönen, ist die Verständigung nicht immer ganz gut. Ich muss mich schon ziemlich anstrengen. Auch im Büro ist die Akustik unterschiedlich. Im größeren Raum und auch abhängig von der Geräuschkulisse durch Gespräche anderer verstehe ich nicht ganz so gut, das ist manchmal problematisch. Was mir noch auffällt, bei weiterer Entfernung "zerfleddern" sich die Worte irgendwie und so gibt es eine sehr undeutliche Verständigung.

* Telefonieren

Telefonieren, ein wichtiges Kriterium für die Entscheidung für ein CI, insbesondere wegen meiner Bürotätigkeit. Mit dem OPUS2-Sprachprozessor geht dies akustisch erheblich besser als mit dem alten Tempo+-Sprachprozessor. Die Induktionsleistung war recht mangelhaft und ich konnte so gut wie gar nichts per Induktion verstehen, sei es bei Telefonieren oder sei es beim sonntäglichen Besuch in die Kirche, deren Kapelle mit einer Induktionsschleife ausgestattet ist. Dazu war auch der Komfort bei OPUS2 mit der Fernbedienung um vielfaches besser, als vorher mit dem Tempo+, bei dem es so mühselig und umständlich war am Prozessor plus Kabel herumzuhantieren.

* Fernsehen

Fernsehen gucke ich in der Regel bei Filmen mit Untertiteln. Wegen den Zusatzgeräten muss ich mich wie gesagt doch noch mit der Materie auseinandersetzen, obgleich mir Frau Dr. Helbig damals vor 2 Jahren vor der OP versichert hatte, dass ich später so gut hören würde, dass ich diese Zusatzgeräte gar nicht benötigen würde. Aber bis jetzt ist es noch nicht so weit.

* Radio / CD-Player

Manchmal verstehe ich bei den Nachrichten vom Autoradio schon einige Sätze und Worte, aber noch nicht zusammenhängend den ganzen Inhalt. Mit Frau Bumann vom CI-Zentrum in Friedberg habe ich schon einige Male über Hör-CDs hören gelernt. Geht zwar relativ passabel, aber nur mit hoher Konzentration und Kombinationsgabe, und manchmal muss mir die Therapeutin doch Stichworthilfen geben.

* Richtungshören und 2. CI

Wenn mich jemand von der rechten Seite anspricht oder beim Autofahren meine Frau als Beifahrerin z.B. von mir wissen will, wann ich denn endlich den Rasen im Garten mähe, so muss ich mich schon der rechten Seite zuwenden, um das linke CI auf die Geräuschkulisse zuzuwenden und so die Worte akustisch im Empfang zu nehmen. Beim Autofahren gar nicht so ungefährlich. Auch im Straßenverkehr als Fußgänger höre ich die Autogeräusche von der rechten Seite nicht so gut.

Desweiteren wirkt für mich diese "Mono"-Akustik zusammen mit den bereits erwähnten Schallgeräuschen in Räumen irgendwie noch nicht ganz klar und deutlich und erfordert schon noch eine gewisse Konzentration.

Aus diesen und auch beruflichen Gründen habe ich mich entschieden, mir ein 2. CI implantieren zu lassen. Die klinischen Voruntersuchungen sind bereits abgeschlossen und wir warten nun auf das OK von der Krankenkasse.

Zum Schluss möchte ich anmerken, dass das CI eine um Welten wesentliche Verbesserung gegenüber dem Hörgerät darstellt. Aber die Nebenwirkungen wie Schallgeräusche und das Eingewöhnen an die neuartige Akustik sind schon eine gewisse Herausforderung, die es aber wegen der deutlich verbesserten Lebensqualität wert ist anzunehmen. Ich mache mir natürlich keine Illusionen und bin mir bewusst, dass auch mit einem 2. CI nicht gleich alles paletti ist und noch viel Eigeninitiative wie Hörtherapie und -praxis notwendig ist. Ohne Fleiß keinen Preis, das gilt auch hier - das ist das wahre Leben.

April 2007
Michael Nagelschmidt

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Stand: 20.01.2008